Das Projekt zur Zeit


Filmemacher Detlev F. Neufert ist von Dreharbeiten aus Burma/Myanmar zurückgekehrt. Erstmals drang er bei dieser Expedition ins eigentlich streng verbotene Gebiet der Naga vor, eines Volksstammes, der noch bis in die 1960-er Jahre als Kopfjäger berüchtigt war.

 

Ein Gespräch mit Klaus Bovers

„Das Paradies steht erst einmal jedem zu“
(Oberbayerisches Volksblatt. Pfingsten, 3./4./5. Juni 2017)

 

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Zuletzt hatte sich vor vielen Jahren ein Tierfilmer-Team der BBC in dieses unsichere Gebiet gewagt. Neufert gelang sein Coup auch nur deshalb, weil sein burmesisches Team unauffällig agierte und er sich selber über die Jahre für knifflige Situationen eine nützliche Mischung aus Freundlichkeit und Frechheit antrainiert hat.

Als Dokumentarfilmer sollte man die Welt zwar so zeigen, wie sie ist, doch Neufert hat nie aus Gründen des Effekts die paradiesischen Seiten mit den weniger schönen hart gegeneinander gesetzt. Weil für ihn das „Paradies im Prinzip erstmal jedem zusteht“, sieht Neufert auch aus christlicher Grundhaltung gerne zuerst auf die Schwächsten der Gesellschaft, auf die Kinder. Sein Film „Die Himmelswiese“, eine Dokumentation über das Aids-Waisenhaus Ban Gerda in Thailand, ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür.

Für die Myanmar-Foundation, eine Privatstiftung mit vielen vermögenden bayerischen Förderern, die in Burma Projekte der Gesundheitspflege und der Kinder- und Jugendhilfe betreibt, war das Grund genug, gerade ihm den Auftrag für einen Film über ihre Arbeit anzuvertrauen. In den zahlreichen Schulen der Stiftung haben in den vergangenen zehn Jahren über 60.000 Schüler und Schülerinnen aus benachteiligten bis bettelarmen Schichten und Regionen ihren Abschluss gemacht und damit die Hochschulreife erlangt. Was im burmesischen Schulsystem eigentlich nur Kindern wohlhabender Eltern möglich ist.

Einer der Förderer, Ex-Chef eines weltweit agierenden Unternehmens, war von Neuferts Filmkonzept so animiert, dass er sich spontan als Teil des Filmteams der zum Konzept gehörenden Reise ins Nagaland anschloss. „Ein Werbefilmchen wird das nicht, darum brauche ich die volle kreative Freiheit und 100% Vertrauen!“ – so lautete Neuferts Bedingung. Der Ex-Boss ließ sich darauf ein, und von diesem Abenteuer als „Team-Assistent“ erzählt der ältere Herr in seinen Kreisen seither voller Begeisterung.

Wohltätige Schulprojekte und die wilden Nagas, wo ist da der Zusammenhang? Den liefert der „rote Faden“, den Neufert für seinen Film entdeckte, und der auch einen Namen hat: Thura Moe, oder „mutiger Junge“, im Englischen „brave boy“, also nannte ihn das Team nach den englischen Anfangsbuchstaben Bebe, was dem heute Sechzehnjährigen aus dem Nagadorf Tamanthi sofort  gefiel.

Von seinen Eltern und auf dringende Empfehlung des Ortspfarrers  – in den Dreißigern waren in der Region evangelische Missionare aktiv – wurde er mit zwölf Jahren an die Schule der Myanmar-Foudation in Bagan geschickt. Der Wildling hatte so einiges ausgefressen und war nicht anders zu bändigen gewesen.

Seine damalige tagelange Reise, allein und weit weg von zu Hause, sollte nachgefilmt werden, also machte sich das Team von Bagan aus, zusammen mit Bebe auf ins wilde Nagaland.

Nach ausgiebigen Dreharbeiten in der Ferdi Home-Schule in Bagan, und natürlich im Tempelbezirk dieser faszinierenden Stadt, begann ein Reise-Abenteuer, das nichts mehr mit Kopfjägern zu tun hatte, dafür aber mit Sperrgebieten, fehlenden Drehgenehmigungen und mit Bebe, der als Naga keinen Pass hatte.

Und ohne Pass gab es kein Flugticket ins für Touristen gesperrte Nagaland. Doch burmesische Schulkameraden, die ihm ähnlich sehen und für ein paar Wochen auch mal ohne Pass auskommen, die gab es. Mit vielen Tricks, per Flieger und im Jeep, mit Flussboot und Motorrad, mal getrennt und mal zusammen, erreichte das Filmteam dann doch Bebes Dorf, wo er seit langer Zeit seine Eltern und Verwandten wiedersah.

Vorher hatten der Chiemgauer Filmemacher und sein „Assistent“ noch einen Tag Pause im Provinzstädtchen Homalin, wo sie seit Jahren die ersten Weißen waren. Während sie dort auf ihr Team im Jeep warteten, gelangen ihnen noch seltene Aufnahmen in einem verbotenen Goldgräbercamp der Region.

Einmaliges Filmmaterial ist so auf der dreiwöchigen Reise entstanden, mit vielen Eindrücken aus dem Nagadorf und von einer mehrtägigen Bootsfahrt auf dem Chindwinn, einem naturbelassenen Gebirgsfluss aus dem Himalaya.

Abenteuer inklusive, als da waren: Motorpanne und geniale Eigenhilfe, Stranden auf einer Sandbank mit Anschieben der Passagiere und auch eine mehrstündige „Verkehrskontrolle“. Der Polizeistreife am Ufer waren die großen Silhouetten der Langnasen aufgefallen, die zwar gewarnt, aber nicht mehr rechtzeitig unter Deck verschwunden waren.

Vor der Abfahrt mit dem Boot gab es im Dorf  noch richtige Spielfilmszenen, als Bebe alles daran setzte, nicht wieder mit zurück in die Schule zu müssen. Erst das Versprechen, ihm am Ende der Reise ein Mobiltelefon zu schenken, verbesserte seine Stimmung und er spielte wieder mit.

Die Nagas, und der junge Bebe im Besonderen, haben nach Neuferts Beobachtung eine Eigenheit, für die man sie in Burma gern hat: Sie singen mit Leidenschaft und sorgen dank ihrer Offenheit ganz allgemein für eine gute Stimmung. Neuferts burmesischer Aufnahmeleiter nannte das  „Innocence“, eine  eigene Art von Unschuld. Und so darf man gespannt sein auf diesen neuen Film des Bernauer Filmemachers. Die Uraufführung wird im September vor bayerischen Föderern der Stiftung in Tutzing stattfinden. Je nach Länge, die derzeit noch offen ist, wäre er sicher auch etwas für das richtig große Kino.

Mehr über die Myanmar-Foundation

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